Frau mit Headset-Mikrofon und verschränkten Armen steht lächelnd in einer hellen Reithalle vor unscharfem Hintergrund.
17. August 2026

FEI Para Dressage World Championship: Wo Gemeinsamkeit Grenzen überwindet

Frau mit Headset-Mikrofon und verschränkten Armen steht lächelnd in einer hellen Reithalle vor unscharfem Hintergrund.

Am Mittwoch starten die Wettbewerbe der Para-Dressur, einer Disziplin, die höchste Präzision, Einfühlungsvermögen und klare Strukturen erfordert – für Pferd und Reiter gleichermaßen. Die deutsche Bundestrainerin Silke Fütterer-Sommer erklärt im Interview, wie die Einteilung in Grades funktioniert, welche Bedeutung Hilfsmittel haben und weshalb Para-Dressur sportlich auf Augenhöhe mit dem Regelsport steht.

Wie sind die einzelnen Grades definiert und auf welcher Grundlage beruht diese Einteilung?

Silke Fütterer-Sommer: In den fünf Grades wird der Schweregrad der Beeinträchtigung der Reiter abgebildet – von den stärksten Einschränkungen in Grade I bis zu den geringsten in Grade V. Entsprechend steigen die Anforderungen und die Komplexität der Lektionen. In Grade I wird ausschließlich im Schritt auf einem 20 x 40 Meter großen Viereck geritten. Im Fokus stehen eine exakte Linienführung und ein absolut konstanter Takt. In Grade II bleibt das Viereck gleich groß, es kommen jedoch erste, kurze Trabsequenzen hinzu. Im Schritt werden bereits Lektionen wie Seitengänge und Schenkelweichen gefordert. Grade III findet ebenfalls auf dem 20 x 40 Meter-Viereck in Schritt und Trab statt, mit deutlich längeren Trabphasen, Übergängen, Schlangenlinien und Schenkelweichen im Trab – die Anforderungen an Präzision, Balance und Durchlässigkeit nehmen hier spürbar zu. Ab Grade IV wird auf dem 20 x 60 Meter-Viereck geritten. Das Niveau entspricht in etwa einer L**-Dressur im Regelsport: Schritt, Trab, Galopp, Seitengänge, Schulterherein sowie Trab- und Galoppverstärkungen gehören zum festen Programm. In Grade V, in dem Reiter mit den geringsten Einschränkungen starten, orientieren sich die Aufgaben an einer M**-Dressur. Traversalen in Trab und Galopp, vielfältige Seitengänge und einfache Galoppwechsel verlangen ein sehr hohes Ausbildungsniveau von Pferd und Reiter.

Welche konkreten Beispiele für Einschränkungen innerhalb der verschiedenen Grades gibt es?

Silke Fütterer-Sommer: In Grade I starten beispielsweise Athleten mit weit fortgeschrittener Multipler Sklerose. Viele von ihnen sind motorisch stark eingeschränkt und können Arme und Beine nur noch sehr begrenzt oder gar nicht mehr gezielt ansteuern. In Grade III reiten unter anderem Personen, bei denen zwei Gliedmaßen stark beeinträchtigt sind oder sogar fehlen. Nicht selten sind diese Reiter dauerhaft auf einen Rollstuhl angewiesen.

Nach welchen Kriterien wird festgelegt, in welchem Grade ein Reiter startet?

Silke Fütterer-Sommer: Bevor Para-Reiter in den Sport einsteigen, durchlaufen sie eine offizielle Klassifizierung. Dabei absolvieren sie verschiedene Tests und Bewegungsübungen. Anhand dieser Ergebnisse nehmen spezialisierte Mediziner sowie Physiotherapeuten die Einstufung in die entsprechenden Grades vor. So wird sichergestellt, dass die Athleten fair und ihrer Beeinträchtigung entsprechend miteinander konkurrieren.

In der Para-Dressur dürfen Hilfsmittel eingesetzt werden …

Silke Fütterer-Sommer: … ja, genau. Es kommen sogenannte kompensatorische Hilfsmittel zum Einsatz, die individuell an das jeweilige Grade und die Bedürfnisse des Reiters angepasst werden. Hat ein Reiter in Grade II zum Beispiel eine komplette Querschnittslähmung und kann seine Beine nicht mehr einsetzen, können spezielle Steigbügel verwendet werden, in denen die Fußspitze fixiert ist, um mehr Halt und Stabilität zu geben. Häufig sieht man im Para-Sport außerdem Klettsysteme, die über die Oberschenkel geführt werden und den Sitz im Sattel stabilisieren. Entscheidend ist dabei: Diese Hilfsmittel müssen einerseits ausreichend Halt bieten, sich andererseits im Falle eines Sturzes aber sofort und problemlos lösen.

Welche Unterschiede gibt es zum Regelsport?

Silke Fütterer-Sommer: Auf den ersten Blick gibt es weniger Unterschiede, als man vielleicht erwartet. Die Pferde werden nach derselben Skala der Ausbildung wie im Regelsport trainiert: Gefragt sind sensible, fein zu reitende Pferde, die willig auf Hilfen reagieren und besonders durchlässig sind. Der wesentliche Unterschied liegt im Training mit den Athleten selbst – und das ist hochgradig individuell. Wenn eine Reiterin etwa ihre Beine nicht einsetzen kann, aber trotzdem einen Seitengang im Schritt reiten möchte, muss ich als Trainer einen alternativen Weg finden, dem Pferd die seitliche Bewegung zu erklären, ohne den klassischen Schenkelimpuls. In solchen Fällen kommen kompensatorische Hilfsmittel ins Spiel, zum Beispiel zwei Gerten, mit denen die Reiterin die fehlende Beinhilfe ersetzt, indem sie sie seitlich an den Pferdekörper anlegt. So bleibt die Reitweise dressurmäßig korrekt, auch wenn die Hilfengebung anders aussieht.

Gibt es besondere Regeln beim Ablauf auf einem Turnier?

Silke Fütterer-Sommer: Ja, vor allem in den Grades I, II und III gelten besondere Regeln für die Vorbereitung der Pferde. Dort dürfen Bereiter oder Trainer die Pferde für maximal 30 Minuten vorbereiten; diese Zeit wird von den Stewards exakt gestoppt. Der Hintergrund: Einige Athleten können aufgrund ihrer Einschränkungen nur im Schritt mit dem Pferd arbeiten. Gleichzeitig legen wir großen Wert darauf, dass die Pferde gut gymnastiziert werden und sich in allen Grundgangarten bewegen können, um gesund und leistungsfähig zu bleiben. In diesen 30 Minuten werden die Pferde daher im Trab und Galopp sorgfältig abgeritten, gelöst und aufgewärmt, bevor der Athlet selbst in den Sattel steigt. Diese Regelung gilt ausschließlich für die Grades I bis III. In den Grades IV und V übernehmen die Reiter das Aufwärmen ihrer Pferde vollständig selbst.

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