Isabell Werth: Von emotionaler Geschichte und erwartungsvoller Zukunft
Bei den Weltreiterspielen in Aachen 2006 kreierte sie mit ihrem Ritt einen Moment, der Reitsportgeschichte schrieb – getragen von einer Atmosphäre, die sie bis heute nicht loslässt. Seitdem ist die Weltspitze enger zusammengerückt, ihre eigene Karriere als erfolgreichste Reiterin aller Zeiten um weitere Kapitel reicher geworden. Ein Gespräch mit Isabell Werth über die Intensität von 2006, die Dynamik der vergangenen Jahre und die Vorfreude auf eine WM, bei der wieder alles möglich scheint.
Sie waren 2006 bereits bei den Weltreiterspielen in Aachen am Start. Welche Erinnerungen kommen Ihnen als Erstes in den Sinn, wenn Sie an dieses Championat zurückdenken?
Isabell Werth: Das sind gleich mehrere, aber vor allem denke ich an die Atmosphäre – sie war schlicht außergewöhnlich. Die ganze Stadt, die gesamte Region hat gelebt, und das Stadion war bis auf den letzten Platz gefüllt. Ich werde nie vergessen, wie wir im Special in dieses Stadion eingeritten sind: alles voll, eine unglaubliche Stimmung. Man konnte das Raunen und die Begeisterung der Zuschauer förmlich greifen, obwohl man dort unten in dieser kleinen „Enklave“ im Viereck war. Das war wirklich etwas ganz Besonderes. Bis heute ist es die Veranstaltung, die mich am tiefsten berührt hat. Vorher und nachher habe ich nichts Vergleichbares mit so vielen Zuschauern erlebt. Es gab ja sogar eine Art Public Viewing auf dem Gelände, weil einfach nicht alle Menschen ins Stadion gepasst haben – so etwas hatte es im Reitsport bis dahin noch nicht gegeben. Es war einzigartig, die Stimmung überwältigend. Und natürlich hoffen wir alle, dass es diesmal wieder annähernd so wird.
Inwiefern hat Aachen 2006 Sie als Reiterin geprägt? Gab es einen Moment, der sich ganz besonders in Ihr Gedächtnis eingebrannt hat?
Isabell Werth: Ja, da gab es einen ganz besonderen Moment. Ich bin damals nicht als Favoritin angereist, eher als eine Art Joker. Zunächst war ich mit Warum Nicht FRH nominiert, doch er hatte sich im Trainingslager verletzt. Und auch Satchmo, das Pferd, das dann schließlich zum Einsatz kam, hatte keinen einfachen Weg hinter sich. Dann dort einzureiten – letztlich mit meinem Herzenspferd, das sich in diesem Stadion bewiesen hat, das immer wieder Rückschläge weggesteckt und sich nach vorne gekämpft hat – das war schon etwas ganz Besonderes. Diese Emotionen waren im Stadion förmlich greifbar, auch bei den Zuschauern. Ich war voll fokussiert, spürte aber gleichzeitig, dass etwas in der Luft lag, das weit über das rein Sportliche hinausging. Diesen Moment werde ich nie vergessen.
2026 kehrt die Welt des Pferdesports mit den FEI World Championships nach Aachen zurück. Mit welchen Erwartungen und mit welchen Gefühlen blicken Sie auf dieses Großereignis?
Isabell Werth: In erster Linie mit der klaren Erwartung, dass wir eine Top-Mannschaftsleistung abliefern. Es ist ein bisschen wie damals: Schon 2006 sind wir mit einer Mannschaft nach Aachen gereist, die nicht unbedingt der große Goldfavorit war. Heute ist das ohnehin kaum noch jemand, weil die Leistungsdichte weltweit eine ganz andere geworden ist. Wir müssen wirklich darauf achten, keinen Punkt liegen zu lassen – das ist unser Anspruch. Alles andere wäre falsche Bescheidenheit, wenn wir sagen würden: „Wir fahren nach Aachen und sind zufrieden, Dritter zu werden.“ In der Einzelwertung ist ohnehin alles möglich. Es gibt einen Favoritenkreis mit Justin Verboomen, Cathrine Dufour, Lottie Fry – ich denke, wir zählen auch dazu – und noch einigen anderen. Da kann viel passieren, und am Ende werden Tagesform, Nervenstärke und der Umgang mit der besonderen Atmosphäre den Ausschlag geben.
Gibt es etwas, worauf Sie sich ganz besonders freuen – auf das Event als Ganzes oder eher auf bestimmte Prüfungen?
Isabell Werth: Ich freue mich tatsächlich auf das gesamte Event, denn Aachen hat sich von 2006 bis 2026 noch einmal enorm weiterentwickelt. Die Anlage ist größer geworden, vieles wurde modernisiert und ausgebaut. Mit den Para-Wettbewerben kommen zusätzliche Facetten hinzu – da ist insgesamt sehr viel in Bewegung. Das macht das Ganze noch einmal anspruchsvoller, auch für die Aachener und den Veranstalter, aber für Sportler natürlich zugleich spannender.
Wenn Sie an die jungen Reiter denken, die 2026 vielleicht ihre erste ganz große Meisterschaft in Aachen erleben: Was würden Sie ihnen aus Ihrer Erfahrung von 2006 mit auf den Weg geben?
Isabell Werth: Genieß es. Sauge alles auf. Mach dir bewusst, dass so etwas voraussichtlich so schnell nicht wieder passiert – vielleicht erst in 20 Jahren wieder. Oder aber, wenn es gelingt, die Olympischen Spiele nach Köln-Rhein-Ruhr zu holen und der große Höhepunkt im Reitsport dann erneut in Aachen stattfindet.
Die Weltspitze in der Dressur ist in den vergangenen Jahren eng zusammengerückt. Inwieweit belebt diese Entwicklung die Disziplin – und wie sehr spornt sie Sie persönlich an?
Isabell Werth: Es hat mich immer schon angespornt, mit den Besten zu konkurrieren, die direkte Konkurrenz zu suchen und mich an der Weltspitze zu messen – und von ihr zu lernen. Ich schaue mir ganz bewusst Dinge ab, bei denen ich weiß: Da habe ich selbst noch Defizite, daran müssen wir weiterarbeiten. Gerade das macht den Sport nach wie vor spannend und ein Stück weit „kitzelig“. Diese permanente Herausforderung, sich weiterzuentwickeln und mit einer immer dichteren Weltspitze Schritt zu halten, ist ein großer Antrieb für mich.
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